Vom sechssaitigen Kriegsbeil

Wieviel ethische Verwerflichkeit verträgt musikalische Genialität?

„Political Incorrectness“ erweist sich immer mal wieder als großer Antrieb noch größerer Ideen. Den Grund dafür suche und hinterfrage ich nicht, denn das könnte niemals fruchten: viel zu individuell und abgründig sind die Motive der eindrucksvollen Geister, die aus der destruktiven Energie schöpferische Kraft gewinnen.

Aber wie weit mache ich mit mitschuldig an den Verbrechen der Luftschlösserarchitekten, wenn mir ihre Schlösser gefallen?

Varg „Count Grishnack“ Vikernes – nuff said. Zumindest in gewissen Kreisen ist der junge Herr ein Begriff. Nachdem er mit süßen 17 Jahr‘ das Ein-Mann-Projekt Burzum ins Leben rief (Kompromisslosigkeit und Egomanie lassen wohl grüßen), schloss er sich ein paar Jahre später auch Mayhem an, (ich werde bestimmt noch bloggen über den wahnsinnigen Haufen, der mir sehr ans Herz gewachsen ist) wo er seinen Unmut noch immer nicht im Griff hatte: nach Streit und ideologischen Widersprüchlichkeiten erstach Varg seinen Bandkollegen und „Freund“ Euronymous.

Varg Count Grishnackh Vikernes, Burzum. (promo photo)
Varg „Count Grishnackh“ Vikernes, Burzum. (promo photo 1993)

Seit 1994 sitzt der unfröhliche Grishnack in Norwegen seine 21-jährige Haftstrafe ab, baut nur mehr rechtsradikale Zinnen im Kopf, und die nun mit deutlich weniger Mitteln produzierbare Musik hat ebenfalls eine Veränderung durchlebt. Reue ist dem jungen Mann allerdings fremd, wie er selbst beteuert, und das Gefängnis nicht höllisch genug. Seinen Einfluss übt der 35-Jährige nach wie vor auf tausende junge Menschen aus.


Auch auf mich.

Ich finde Messermord und Faschismus nicht cool, und gehe dafür auch nicht demonstrieren. Was aber soll ich tun, wenn ich gerne das erste und primitivst dunkelste Burzum-Album auflege, und es einfach liebe? Das ist guter, nein böser, rauer, wütender und zerstörerischer Black Metal der Ersten Stunde – hier gibt es keine Virtuosität, keine Latenz, und erst recht keine Träumerei. Untergründiger Zorn statt überirdischer Lyrik; etwas, das „die Bands von heute“ so selten noch beherrschen. Keine Frage, ich liebe auch sie – Dornenreich, Opeth, Nocte Obducta, und wie sie alle heißen. Aber sie wollen sich gegenseitig übertreffen mit ihrer anmutigen Poesie und grüblerischen Melancholie. Sie verzweifeln alle.


Aber manchmal will ich meine Bands hassen hören, nicht verzweifeln. Will sie auf die Welt spucken sehen, anstatt sie zu Grabe zu tragen.

Natürlich, Varg Vikernes tat es ja auch: die Welt hassen, und mit ihr die Menschen. Sie so sehr zu hassen, dass er einen von ihnen für immer davonjagte – bereit, die Strafe zu tragen. Es ist schwierig für mich, zu beantworten, welche Gefühle ich ihm gegenüber habe. Soll ich ihn verurteilen, obwohl ich sein Kunstprodukt – die Musik – gierig konsumiere? Die Gefühle, die ich dieser Dunkelheit auf Tonträger gegenüber verspüre, sind weit entfernt von Hass.

Musik ist nicht Politik. Ist sie aber der Politik verpflichtet?

Ich wäre sehr gespannt auf Eure Meinung von Außen. Wollt ihr sie mir geben?

Burzums debut
Burzum’s debut

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