Verstecken im Dunkeln
Vor zwei Jahren fügt mich eine Schönheit von zarten 16 Jahren auf Myspace zu ihren Freunden. Ihr Profil: ein Gesamtkunstwerk, rund wie ein Kreis. Auf meine neugierigen Nachrichten antwortet sie, Ja, sie ist wirklich so jung. Und ja, sie macht Musik; alleine. Hier hab ich kurz von ihr erzählt, aber viel gab’s noch nicht.
Am Donnerstag, dem 12. März 2009, stehe ich in der Postgarage, so nah am Bühnenrand, dass meine Oberschenkel ab und zu gegen den Bühnenboden gedrückt werden, wenn hinten wieder jemand unruhig ist, und erwarte sie.
Irgendwann und endlich kommt sie – Soap&Skin. Schwarz in schwarz, verschlampttoupierter Haarschopf, dramatische Miene. Sie setzt sich ans Klavier, als wär nichts, und beginnt zu spielen. Wir kriegen kaum Zeit, Luft zu holen, da öffnet sich der Schlund schon.
Sie sinkt hinein, und wir, die trivialen Publika, dürfen mitsinken. Ein Schluck Wasser, Rücken zur Menge, zu sehen kriegt das Fußvolk nur hier und da ein scheues Lächeln, gerötet geschminkte Augenhöhlen, „Danke“ sagt sie sogar, mindestens dreimal.
Die Elektronik lässt den Saal beben, aber immer ist da diese Stimme der fragilen Achtzehnjährigen, die sanft genug ist, um uns Erdbebenopfer in den Schlaf zu wiegen. Manchmal schreit sie, meistens presst sie nur die Lippen ans Mikro und tanzt die Hände über 88 Tasten, die plötzlich zum Leben erwachen und ein bisschen mitweinen.
„Sag mal was!“, ruft ein Fan in die intime Stille; sie bespuckt ihn mit Wasser, und das aufgebrachte Backgroundraunen macht mich ganz doll lächeln. Ich mag’s, wenn sie sich hassen lassen, diese aufmüpfigen Künstlerfiguren. Braucht auch Mut.
Als die schleppenden Klänge des drückenden „Marche Funèbre“ einsetzen, steht Soap&Skin auf vom Klavierhocker und schwankt-kriecht-taumelt zum Bühnenmittenmikro. Ihre Arme baumeln schlaff, ihr Körper wippt epileptisch; die Bewegungen sind berührend ehrlich in ihrer Mechanik. Vielleicht ist es auch einfacher, ein Zerrbild von sich zu erzeugen, wenn man so schön ist.
Dann geht sie. Ist gar nicht so leicht, sie gehen zu lassen.
Wider all meiner Erwartungen kommt die Frau, oder sollte ich sagen, das Mädchen?, nach einigen Applausminuten zurück auf die Bühne gestolpert, ein stolzes Lächeln kann sich auch die Sphinx der Melancholie, die dunkle Prinzessin, oder wie sie die ganzen Zeitungsschwärmer betitelt haben, nicht verkneifen.
Sie spielt ihr letztes Lied, und legt hinein, was sie noch hat. Es wird trotzdem nie zuviel, denn sie scheint perfekt zu wissen, wie weit sie gehen kann und muss.
Und nach dem Lied, wie nach jedem Lied, nimmt sie vorsichtig die Hände vom Klavier, legt sie in ihren Schoß, und lächelt verlegen. Genau dann scheint sie Anja zu sein, und, wenn ihr mich fragt, dann ist sie auch am Nettesten.
Soap&Skin ist kein Wunder, und auch kein Kindheitstraumata-Haufen. Sie ist dramatisch, und sie ist ein Werk – aber sie darf ja. Denn es ist ihr eigenes. Und nichts anderes gestehe ich jedem Künstler zu, als sich auf der Bühne neu zu erschaffen und in das eigene Konstrukt zu stürzen wie ich. Ja, auch das ist Authentizität.
Ich stelle mich nicht in die Reihen der verliebten Rezensenten, die per Druckerschwärze um ihre Hand anhalten. Aber ich sage ehrlich und mich glücklich schätzend, dass sie großartig war.
Man muss ja auch kein Kind furchtbarer Traurigkeit sein, um Musik zu komponieren, die derart unter die Haut kriecht und meinen Puls beschleunigt wie ihre. Soap&Skin, oder doch Anja, weiß eben einfach, was die Menschen am meisten berührt, und es ist nunmal nicht der schale Nachgeschmack des flüchtigen Glücksmomentes, sondern die ganz persönliche Miniaturdornenkrone, die wir alle herumtragen.
Ein bisschen so, wie wir als Kinder gerne Verstecken im Dunkeln gespielt haben. Die Objekte haben wir verstanden, bevor wir ihre Schatten erkennen; und bald wollen wir vom Hellen nichts mehr wissen.

foto creative commons at flickr
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- Published:
- März 17, 2009 / 12:21
- Category:
- konzert
- Tags:
- konzert, live, lovetune for vacuum, marche funèbre, postgarage, soap&skin, spiracle

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