Ach, Darwin!

Eigentlich wollte ich diesen Blog ja sterben lassen… zu sporadisch das Ganze, zu sinnfrei an vielen Ecken und Enden. Dass ich schreiben kann und mag, das weiß ich und Jedermann.. braucht keinen Blog. Tolle Musik? will man natürlich auch empfohlen kriegen, nur halt nicht von mir.


Ein gestriges Event piekst mich allerdings derart penetrant in den Allerwertesten (oder eine hübschere Metapher, suchts euch aus), dass ich einfach davon berichten muss.

In Graz ist ja ordentlich was los. Ich war gestern zu Besuch bei „Gleiche Affen in verschiedenen Zoos“ im Landesmuseum Joanneum, wo Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker zum Gespräch mit Georg Altziebler lud. Who the fuck is Georg Altziebler?, fragte ich unschön das Schlaue Buch. Dieses: Son of the Velvet Rat. DER österreichische Singer-Songwriter-Export. Aha; dass ich von dem guten Mann noch nix gehört hab, lassen wir jetzt als hochgezogene Augenbraue mal außen vor. Bedröhn mich ja auch nur mit Mättl.

Das Thema der Veranstaltung lautete – zitiere Kulturserver – wie folgt: „Die Differenzen zwischen kreativ-idealistischen Zugängen und der Wirklichkeit des angeblich härtesten Geschäfts der Welt, der Pop- und Rockmusikproduktion“. Da ich mich für das Thema sehr interessiere, schreibe ich auch gerade eine Seminararbeit über neue PR-Instrumente für Musiker in Zeiten der Web-Dominanz und Download-Epidemie. In der Hoffnung auf tolle O-Töne und Eindrücke also nix wie hin.


[Apropos Epidemie. Sind nicht Singer-Songwriter die Epidemie der 10er? (man nähme Notiz, nach den 90ern starten wieder die 10er. Logisch.) Wir hatten die Boygroups in den 1990ern, und jetzt gibts Singer-Songwriter-Flut. Plötzlich schimpft sich einE jedeR HanswürstIn mit Klampfe im Arm und Organic Cotton Outfit Singer-Songwriter. Melancholisch dahinknödeln, Augen zukneifen (blendet ja auch, so eine 60-Watt-Birne), irgendwie fehl am Platze ausschauen. Das ist Kunst, oder auch Singer-Songwriter-Tum. Denn wer vier Akkorde beherrscht, kann verdammt nochmal einen Song writen, und naja das Singen kann man ja seit Bob Dylan auch keinem mehr verbieten.

GEBT MIR EINE KOLUMNE! ich will fürs Raunzen bezahlt werden.]


Der Herr Fleischhacker ist ja ein gnadenloser Zyniker. An der vorderen Couchkante auf Zähneblecken hoffend wurde ich natürlich prompt enttäuscht. Eine Vorstellung ist wunderbar. Als wir nach einer halben Stunde allerdings immer noch von Altzieblers Inspiration und Individualismus hörten, wurde es langsam langatmig.
Da fiel der großartige Satz, „der Bandname war ja sowieso von Anfang an ein Misserfolgsgarant.“ Humoristisches Lachen im Publikum; in meiner Grantmiene regte sich nix. Liegt das an mir jetzt? Egal, er wird erst warm.
„Man muss unverwechselbar sein“, aha achso. Und- „Ich wusste von Anfang an, was ich mache, ist nicht für eine breite Masse.“ Spätestens hier wars mir zuviel, und ich kramte determiniert meinen Sailor-Moon-Block raus, um Fragen an den Samtrattenspross zu notieren. „Fragen“. Ich gebs ja zu, eigentlich wollte ich den Herren eh bloß provozieren.
„Warum ist der Name ein Misserfolgsgarant?“
„Er ist kein Misserfolgsgarant.“
„Das haben Sie gesagt.“
„Ich habe gesagt, dass—“ und ich schalte ab. Nehmts es mir nicht übel, aber da verliert man dann schon die Lust.
„Der Prozess des Komponierens – was geht da in Ihnen vor? Oder ist das ein unaussprechliches Geheimnis? Ich kenne einen Ihrer Freunde von der Uni.“ Das kann man übrigens auch als Frage aus dem Publikum tarnen.

Als die geistlose Lobhudelei dahinschwelte, war das einzig Erfreuliche Fleischhackers Blick. Ich werde nicht mal versuchen, ihn zu beschreiben, aber Amüsement sieht anders aus. Ich mag den Mann. Aber wieso setzten die dem ‘Underground-Poeten’ Altziebler keinen Kritiker gegenüber, der in die Lücken bohrt, die des „Son’s“ widersprüchliche Antworten hinterlassen?! Ich fragte den Mann, was er von so genannten Social Networks hält, von Web 2.0 als Faktor zur Publikumsgewinnung. Nachdem ich dreimal anders formuliert hatte und er immer noch nicht wusste, wovon ich sprach, war Fleischhacker so gutmütig, meine Frage zu übersetzen. Endlich- eine Antwort! „Das kann schon sein.“ Also, ich weiß – sich mit dem Musikgeschäft auseinanderzusetzen ist ja auch weder verträumt, noch idealistisch. Schon gar nicht Singer-Songwriter. Die Pflaume-am-Aug hindert ihn trotzdem nicht daran, sich per MySpace Account zu promoten. Muss man aber ja nicht laut sagen.

„Ich mache Musik für mich.“ Is that so. Wie ein Raum voller erwachsener Menschen dabei ernst bleiben kann, ist mir ein mittleres Rätsel. Ich mach also Musik für mich, greife verkorkste Akkorde auf der Kindergitarre und finds super. Dafür brauch ich kein Label, aber der Herr Altziebler schon. Ich denke, er nimmt sich dennoch sehr ernst, und ganz offensichtlich taten das die anderen Besucher auch.
„Das ist ein Philosoph, ein Poet!“ – O-Ton Althippies, die mich nach der Show vergebens um Feuer fragten. Seht her, die herrliche Woodstock-Nostalgie ist dem Web-2.0-Schmu gewichen – und diese braven Bildschirm-Teenies nehmen nicht mal mehr legale Drogen! Is mir ja wurscht, wer qualmt; den Prestige-Effekt seh ich bloß nicht. Und Nein, ich hab kein Feuer, und Nein, der Typ ist auch kein Poet, nur weil er im 21. Jahrhundert erkannt hat, dass das Leben keine Hupfburg ist.

Und dann noch dieses scheußliche „Underground“. Ein Un-Wort; das gibts eigentlich gar nicht. Keine Nische der Welt kann jemals Underground sein – denn öffentliches Musikmachen, und erreiche ich nur zwei arme Idioten, ist immer Nach-Luft-Schnappen. Ist immer ein Lebenszeichen, eine publike Herzfaservibration. Und das ist auch verdammt gut so.
Der Provinz-Bob Dylan und Trivialphilosoph ist jedenfalls nicht mein Tässchen Butterbier, und der Abend gestern war ein bissl für die Katz’. Aber bitte nicht verklagen jetzt.


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